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Theorie U - warum sie uns auch in Corona-Zeiten helfen kann
09.09.2020 09:09
von Ira Rueder

Theorie U - ein Blick in die Zukunft

ACADEMY 4 EXCELLENCE Agile. Individual. Leadership. Coaching.

Nicht nur Corona setzt viele Unternehmen unter Innovationsdruck. Wie praktisch wäre es, die Zukunft vorhersehen zu können oder am besten gleich selbst neu zu erfinden. Wir suchen nach Sicherheit, um Disruption zu stoppen. Und wenn, dann wollen wir selbst die Disrupteure sein. Dafür scheuen Unternehmen keinen Aufwand.

Claus Otto Scharmer verfolgt mit seiner Theorie U einen anderen, hoffnungsvollen Ansatz. Er vertritt die Auffassung, dass die Zukunft bereits als Keim vorhanden ist. Sie existiert bereits. Es geht also nicht darum, die Zukunft neu erfinden zu müssen, sondern vielmehr sie wahrzunehmen und zu materialisieren.

Dabei spielt die Gemeinschaft, das kollektive Wissen, eine bedeutende Rolle. Führen wir dieses und unsere individuellen Erfahrungen zusammen, summiert sich daraus ein immenser Schatz an zukunfts-kreierenden Ideen. Gestalten wird ermöglicht. Die Zukunft liegt vor uns. Und dafür müssen wir vor allem eines: Zuhören.

Theorie U: Die vier Stufen des Zuhörens

Scharmer geht in seiner Theorie U davon aus, dass das gegenseitige Zuhören den Dreh- und Angelpunkt darstellt und teilt es in vier Intensitätsstufen ein:

Downloading

Befindet sich der Zuhörer auf der ersten und niedrigsten Stufe des Zuhörens, dem Downloading, geht es ihm vor allem darum, seine persönlichen Denkmuster zu bestätigen. Er durchsucht das Gesagte seines Gegenübers nach Stichworten, die er als Vorlage für seine eigene Antwort nehmen kann. Es besteht keine Offenheit gegenüber Denkweisen, die nicht mit seinen eigenen übereinstimmen.

Durch dieses Vorgehen verankert sich der Zuhörer jedoch in der Vergangenheit. Sein Fokus bleibt auf dem Altbewährten und sperrt sich gegen Veränderung. Neue Ideen oder die Erweiterung seines Horizonts bleiben unmöglich.

Faktisches Zuhören

Das faktische Zuhören stellt die zweite Stufe des Zuhörens dar. Der Fokus der Aufmerksamkeit liegt auf der Sachebene, auf dem gesprochenen Wort. Der Zuhörer gleicht sein Wissen mit dem des Gegenübers ab: Was weiß er? Was weiß ich? Inwiefern gibt es Übereinstimmungen oder Unterscheidungen?

Diese Art des Zuhörers finden wir z. B. häufig in der Wissenschaft wieder. Hier wird vor allem die rationale Intelligenz genutzt. Die Sache an sich steht im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Empathisches Zuhören

Beim empathischen Zuhören verlässt der Zuhörende die Faktenebene und beginnt sich auf sein Gegenüber, seine Motive und Gefühle einzulassen. Er versucht die Botschaft hinter dem Gesagten zu verstehen und öffnet sich für die Perspektive seines Gesprächspartners.

Auf diese Weise entsteht ein echter Dialog, der durch den Einsatz empathischer Intelligenz möglich wird.

Presencing

Die höchste Stufe des Zuhörens geht über das emphatische Zuhören hinaus.Im sogenannten Presencing vertiefen sich die Gesprächspartner in den gegenseitigen Austausch, spüren eine tiefe Verbundenheit und Verständnis für die Sichtweise des jeweils Anderen. Das Gespräch wird fortan durch Intuition geleitet. Erfahrungen, Wissen, Sichtweisen addieren sich, der Blick wird geweitet, sodass etwas Größeres sichtbar und offengelegt wird.

Presencing ist eine Wortneuschöpfung aus dem Englischen "Presence" und "Sensing" und verlangt den Einsatz spiritueller Intelligenz. Dabei steht "Presence" für das vollkommene Dasein im Hier und Jetzt, während sich "Sensing" auf das Erspüren, das Sich-Einlassen auf das Gegenüber und den Prozess bezieht. Auf diese Weise werden gemeinsame Zukunftsideen gestaltet.

Voraussetzung für die die Theorie U: Mut

Scharmers Buch zur Theorie U erfreut sich großer Beliebt- und Bekanntheit. Doch inwiefern besteht auch die Bereitschaft die Theorie U in die Praxis umzusetzen? So sehr der Trend und die Notwendigkeit in Richtung Agilität und Prozessorientierung geht: Zahlen, Daten und Fakten werden größtenteils weiterhin als die wichtigsten Parameter in Unternehmen betrachtet.  

Dabei kennt fast jeder von uns Presencing-Momente. Von diesen zu berichten und ihnen die entsprechende Bedeutung zu geben, verlangt der Person jedoch Vertrauen und Mut ab. Ein bewegendes Beispiel berichtete uns eine Führungskraft in einem unserer Seminare:

Eines Tages erhält die Führungskraft einen neuen Mitarbeiter für ihr Team. Fachlich genießt dieser einen exzellenten Ruf, menschlich gilt er jedoch eher als "schwieriger" Zeitgenosse. Mehrere interne Abteilungswechsel hat der Kollege bereits hinter sich. So geht die Führungskraft mit gemischten Gefühlen in das Kennenlerngespräch, nicht jedoch ohne zwei Fragen mitzubringen, die den Blick auf die Situation vollkommen verändern sollten:

Als erstes fragt sie den Kollegen ganz offen: Wie geht es dir?

Und dieser beginnt von seinen persönlichen Erfahrungen in seinen vorherigen Teams zu berichten. Er erzählt, wie er die Situation wahrgenommen und den Umgang mit den Kollegen erlebt hat, der alles andere als einfach wahrgenommen hat.

Daraufhin stellte ihm die Führungskraft ihre zweite Frage: Und was ist das Beste, was in unserer Abteilung für dich passieren kann?

Und der neue Kollege beginnt mit leuchtenden Augen zu erzählen und äußert seine Wünsche.

Die Führungskraft staunt. Der Kollege hat bereits viel erlebt, hat bereits viele negative Erfahrungen machen müssen. Doch er brennt nach wie vor für die Sache. Ein Feuerwerk an Ideen breitet er vor ihr aus. Und die sind gut. Richtig gut! 

Dieses Gespräch war damit der Anfang von einem guten Ende. Einige der Ideen werden bereits kurz darauf in die Tat umgesetzt. Der Kollege entwickelt sich zu einem wertvollen Teil des Teams. Es entsteht eine Win-Win-Situationen. Sowohl Führungskraft als auch Mitarbeiter - und letztendlich auch das Unternehmen - profitieren. Die Führungskraft hat einen wertvollen Kopf für ihr Team gewonnen und der Mitarbeiter kann sich die nächste entmutigende Erfahrung ersparen. Dies konnte vor allem durch das ernsthafte Interesse und die vorurteilsfreie Aufmerksamkeit der Führungskraft möglich werden.

Vorurteilsfreier Austausch als Kulturbestandteil

Für manche mag diese Geschichte ungewöhnlich oder gar abwegig anmuten. Doch sie zeigt, welches Potenzial in der Kultivierung der Theorie U steckt. In disruptiven Zeiten helfen uns alte Denkmuster nicht mehr weiter. Wir dürfen nicht in Altbewährtem und Vergangenem hängen bleiben, sondern können, dürfen und müssen die Möglichkeit des schöpferischen Austauschs nutzen, um den aktuellen Anforderungen der Arbeitswelt zu begegnen und gerecht zu werden.

Die Theorie U plädiert für ein zeitweises Zurückstellen der eigenen Ziele und Interessen. Sie spricht sich dafür aus, dem Gesprächspartner den Raum zu geben, den er braucht, um sich zu öffnen, sich zu zeigen und zu entfalten. Damit sich das Größere dahinter zeigen kann. 

Lesetipp

Claus Otto Scharmer ist Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Zugleich ist er Gründer des Presencing Institute of Cambridge. Wer sich tiefer mit der Theorie U und seinen Thesen für unsere Wirtschaftskultur beschäftigen möchte findet weiterführende Informationen auf seiner Webseite: http://www.ottoscharmer.com.

Sein Buch ist im Carl-Auer-Verlag erschienen: C. Otto Scharmer, Theorie U: Von der Zukunft her führen: Presencing als soziale Technik, https://www.carl-auer.de/programm/artikel/titel/theorie-u-von-der-zukunft-her-fuehren/

Praxistipp

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