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Agile Leader in Krisenzeiten: Warum Command & Control nicht die Lösung ist
Stell dir vor: Dein Unternehmen gerät in wirtschaftliche Schieflage. Die Unsicherheit wächst: Wer arbeitet wirklich? Wer liefert noch Leistung? Und du greifst instinktiv zur Kontrolle. Anwesenheit wird strenger geregelt, Reports werden detaillierter, Entscheidungen zentralisiert. Aus Flexibilität wird Kontrolle. Viele Führungspersonen reagieren instinktiv so: in bedrohlichen Situationen fühlt sich Kontrolle erst einmal wie Sicherheit an. Doch genau dieses Zurückfallen in Command & Control (C&C) birgt langfristige Risiken für Motivation, Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft. Wir zeigen dir, warum Agile Leadership auch in Krisenzeiten die bessere Strategie ist und warum agil nicht „laissez-faire“ bedeutet.
Wirtschaftlicher Kontext: Gibt es eine (Wirtschafts-)Krise?
Die makroökonomischen Daten in Deutschland und der Eurozone untermauern das Gefühl von Unsicherheit, mit dem viele Führungspersonen heute arbeiten müssen:
Die EZB und andere Institutionen haben die Wachstumsprognosen für den Euroraum nach unten korrigiert; die EZB-Staff-Projektionen gingen 2025 von deutlich moderatem Wachstum aus (z.B. ca. 0,9% für 2025 in den ECB-Projektionen). Das spiegelt anhaltende Schwächen bei Exporten und Investitionen wider.
Die deutschen Quartalsdaten zeigten 2025 Phasen mit Stagnation bzw. kleineren Rückgängen (z.B. ein Rückgang von -0,3% im Q2 2025 gegenüber Q1 in einer Destatis-Meldung), und offizielle Prognosen sprechen von einer Phase geringer Dynamik bzw. nur moderater Erholung.
Die Arbeitslosenquote und die absolute Zahl der Arbeitslosen blieben 2024/2025 erhöht gegenüber den Vorjahren; Berichte aus dem Jahresverlauf 2025 nennen Arbeitslosenquoten um ca. 6,3-6,5% in Deutschland und eine spürbare Abschwächung bei offenen Stellen im Vergleich zum Vorkrisenniveau.
Fazit: Es handelt sich nicht (zwangsläufig) um eine plötzliche, allgemeine Depression, aber die Wirtschaftserholung ist schwächer als erhofft, Unsicherheit über Nachfrage, Handels- und Investitionsbedingungen ist hoch. Das erklärt viel von dem Druck, unter dem Führungspersonen stehen.
Warum neigen Menschen in Krisen zu Kontrolle?
Wenn die Umwelt unsicher wird, reagiert das Gehirn auf zwei Weisen, die Führungspersonen oft nicht bewusst sind:
Unsicherheit erzeugt Angst und Angst fördert Kontrollverlangen. Forschung zur Intolerance of Uncertainty zeigt: Menschen neigen oft dazu, Unsicherheit als bedrohlich einzustufen; das erzeigt Stress und erhöht das Bedürfnis nach (scheinbarer) Kontrolle. Dieses Muster ist sowohl in klinischer Psychologie als auch in experimenteller Forschung gut belegt.
Perzeptive Kontrolle reduziert Stressreaktionen im Gehirn. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass die Möglichkeit, ein Stressorereignis zu kontrollieren, die Aktivität in angst-assoziierten Hirnregionen (z.B. Amygdala, erweiterte Amygdala) reduziert; subjektiv fühlt sich Kontrolle also tatsächlich sicherer an. Das gilt sowohl auf individueller Ebene als auch in Gruppen-/ Organisationskontexten: wer Regeln setzt, schafft eine klare, vorhersehbare Umwelt und das beruhigt.
Wiederholtes Erfahren von Kontrolle bzw. erlernte Kontrolle beeinflusst späteres Verhalten: wiederholte Ohnmachts-Erfahrungen führen zu „erlernter Hilflosigkeit“, während erlebte Kontrolle Resilienz stärkt. Führungspersonen fühlen sich daher oft verpflichtet, Kontrolle wiederherzustellen, um die Wahrnehmung von Handlungsfähigkeit zu sichern.
Psychologisch ist also nachvollziehbar, dass in unsicheren Zeiten Kontrolle Sicherheit signalisiert; biologisch reduziert sie Stress. Aber: das ist nur die kurzfristige Funktion. Langfristig können rigide Kontrollen Wachstum und Anpassungsfähigkeit blockieren.
Command & Control: Warum die Versuchung groß ist und warum sie Fehlentscheidungen provoziert
Warum also greifen Manager vermehrt zu C&C? Typische Gründe:
- Unverzüglichkeit: In einem Moment, in dem schnelle, sichtbare Maßnahmen verlangt werden, liefert das Anordnen von Regeln kurzfristige Handlungsfähigkeit.
- Messbarkeit: Anwesenheit, Reporting, Checklisten lassen sich leichter messen als Kreativität oder Kollaboration.
- Verfügbare Tools: Organisationen können schnell Überwachungs- oder Reportingmechanismen hochziehen (z.B. Präsenzquoten, Daily Reports), die kurzfristig beruhigen.
- Fehlgeschlagene Agile-Rollouts: Wenn Agilität nur als Ritual eingeführt wurde (Daily, Board) ohne Kultur und Enabler, enttäuscht sie und Manager kehren zu Vertrautem zurück.
Warum das problematisch ist: C&C funktioniert zwar in klaren, stabilen, stark regularisierten Kontexten in volatilen Märkten. Aber in Zeiten von Digitalisierung, VUCA, disruptiven Märkten und zunehmender Komplexität stößt Kontrolle schnell an ihre Grenzen. Unsicherheiten, unvorhersehbare Kundenanforderungen oder schnelle Veränderungen lassen sich nicht einfach reglementierten. Kontrolle führt zu Verzögerungen bei Entscheidungen, Demotivation, geringerem Engagement und Innovationsstau. Langfristig erhöht es das Organisationsrisiko anstatt es zu senken. Genau hier zeigt sich der Wert von Agile Leadership.
Agile Leadership: Definition, Mythen und Wirklichkeit
Agile Leadership wird häufig missverstanden. Als wäre es eine Art freundlicher Laissez-faire-Stil ohne klare Richtung. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Agile Leader setzten einen klaren Rahmen, eine deutliche Vision und eine bewusste Priorisierung. Deine Aufgabe als agile Führungsperson ist es, Orientierung zu bieten und gleichzeitig Freiräume zu schaffen, in denen Teams selbstorganisiert handeln können. Du gibst also nicht die Führung ab, sondern führst anders. Du führst situativ, fokussiert und wirksam.
Ein wichtiger Bestandteil agiler Führung ist die Verlagerung von Entscheidungsbefugnissen dorthin, wo das operative Wissen sitzt. Du steuerst nicht mehr jeden Detailsprozess, sondern entscheidest strategisch, beseitigst Hindernisse und sorgst dafür, dass Teams schnell und sicher handeln können. Deine Rolle ähnelt damit einem Coach, Mentor und Enabler, aber du bleibst klar in der Verantwortung.
Agile Leadership bedeutet außerdem, dass du iteratives Arbeiten ermöglichst: Statt monatelang an Konzepten zu feilen, unterstützt du kurze Feedback-Schleifen, in denen Teams Hypothesen testen, lernen und sich anpassen. Dieser Ansatz sorgt nicht nur für Geschwindigkeit, sondern auch für Risikominimierung, weil Fehlentwicklungen früh sichtbar werden.
Trotz aller Flexibilität bleibt eine Sache zentral: Agil bedeutet nicht „laissez-faire“, also völliger Verzicht auf Führung. Das wäre das Gegenteil dessen, was moderne, dynamische Organisationen brauchen. Agile Leadership erfordert klare Rollen, transparente Ziele und verbindliche Kommunikationsprozesse. Wenn diese Klarheit fehlt, entsteht Chaos statt Agilität.
Die typischen Missverständnisse entstehen oft aus verkürzten Darstellungen oder schlechten Implementierungen. Agil ist keineswegs „nur für IT“. Die Prinzipien lassen sich in nahezu jeder Branche anwenden – ob Produktion, Dienstleistungen oder Verwaltung – vorausgesetzt, sie werden auf den jeweiligen Kontext angepasst. Entscheidend ist nicht das Label „agil“, sondern wie konsequent du die zugrunde liegenden Werte und Prinzipien in deiner Führung verankerst.
Vorteile von Agile Leadership, speziell in Krisenzeiten
Agile Leadership entfaltet seine größte Wirkung gerade dann, wenn Märkte unsicher, komplex und schwer vorhersehbar sind. In Krisenzeiten zeigt sich besonders deutlich, wie wichtig es ist, schnell reagieren zu können, ohne Teams dabei zu überfordern. Agile Führung ermöglicht genau das: Sie schafft Strukturen, die flexibel sind, aber gleichzeitig Klarheit und Halt bieten.
Ein zentraler Vorteil ist die schnelle Anpassungsfähigkeit. Wenn sich Kundenbedarfe oder regulatorische Anforderungen verändern, können agile Teams in kurzen Iterationen neue Lösungen entwickeln, statt auf starr definierte Jahrespläne angewiesen zu sein. Studien renommierter Institute zeigen, dass Unternehmen mit agilen Führungsstrukturen deutlich schneller auf Marktveränderungen reagieren. Mit teilweise signifikant kürzerer Time-to-Market und besseren Ergebnissen in Projekten.
Ein weiterer Vorteil liegt in der Innovationskraft, die durch agiles Arbeiten gefördert wird. Durch gezielte Experimente, kurze Feedback-Zyklen und ein Umfeld, in dem Lernen selbstverständlich ist, entstehen Ideen nicht nur schneller, sondern werden auch systematisch weiterentwickelt. Fehler sind dabei nicht das Ende, sondern Teil eines Lernprozesses, den agile Führung aktiv moderiert.
Auch das Engagement und die Motivation deiner Mitarbeitenden steigen nachweislich, wenn sie eigenverantwortlich arbeiten dürfen und ihre Expertise ernst genommen wird. Empowerment führt zu höherer Zufriedenheit, die sich unmittelbar auf Produktivität und Qualität auswirkt. Gerade in unsicheren Zeiten ist dieses psychologische Sicherheitsgefühl essenziell, denn Motivation ist selten das Ergebnis von Druck, aber oft das Resultat von Vertrauen.
Schließlich fördert Agile Leadership auch die organisatorische Resilienz. Statt monolithischer Strukturen entstehen Netzwerke kleiner, autonomer Einheiten, die unabhängig voneinander handeln und sich schneller erholen können. Das macht Unternehmen weniger anfällig für externe Schocks und erhöht die langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Voraussetzungen: Wann agil gelingt und wann du anders steuern solltest
Damit Agile Leadership überhaupt funktionieren kann, braucht es bestimmte Rahmenbedingungen. Eine davon ist die klare Unterstützung des Top-Managements. Wenn nur einige Führungspersonen agil arbeiten wollen, während andere weiter strikt hierarchisch agieren, entsteht ein kultureller Bruch. Teams spüren sofort, wenn Agilität nur ein Lippenbekenntnis ist und agieren entsprechend vorsichtig oder gar zynisch.
Ebenso wichtig ist der Kompetenzaufbau. Agile Führung ist kein „weiches“ Konzept, sondern verlangt Fähigkeiten, die vielen Führungspersonen bisher kaum vermittelt wurden: Coaching-Kompetenz, Kommunikation, Konfliktmoderation und klare Priorisierung. Wer jahrelang im klassischen Führungsstil sozialisiert wurde, muss diese Kompetenzen bewusst entwickeln. Sonst landen agile Rituale auf der Oberfläche, ohne Wirkung in der Tiefe zu entfalten.
Gleichzeitig ist Agilität kein Dogma. Manche Bereiche eines Unternehmens – etwa Compliance, Arbeitssicherheit oder hochregulierte Produktionsschritte – verlangen weiterhin feste Vorgaben, klare Abläufe und engmaschige Qualitätskontrolle. Hier ist es sinnvoll, hybride Modelle zu nutzen: Du setzt auf klassische Steuerung, wo Stabilität entscheidend ist, und auf agile Methoden, wo schnelle Anpassungen einen Vorteil schaffen. Gute Führung erkennt den Unterschied.
Was unbedingt vermieden werden sollte, ist eine „Pseudo-Agilität“, bei der Teams zwar Dailys abhalten oder Kanan-Boards pflegen, aber weiterhin auf Freigeben von oben warten oder keinerlei Entscheidungsspielräume haben. Rituale ohne Mindset erzeugen Frust und führen häufig zu der Fehleinschätzung, dass „Agilität nicht funktioniert“. In Wirklichkeit fehlten nur die Voraussetzungen.
Konkrete Handlungsempfehlungen für dich als Führungsperson
Wenn du agiler führen möchtest, beginne mit einer ehrlichen Diagnose: Frage dich, warum du oder andere in deiner Organisation gerade zur Kontrolle greifen. Geht es um echte Risiken, um fehlende Sichtbarkeit oder vielleicht darum, dass die nötigen Führungskompetenzen noch nicht ausreichend entwickelt sind? Diese Reflexion ist der erste Schritt zur Veränderung.
Setze anschließend klare Rahmenbedingungen, indem du Vision, Ziele und Prioritäten sichtbar machst. Je klarer das „Warum“ und „Wohin“, desto souveräner können Teams im „Wie“ entscheiden. Gleichzeitig gilt: Ziele sind kein Korsett. Sie geben Orientierung, aber keine Mikrosteuerung vor.
Ein weiterer Schlüssel liegt im Fähigkeitenaufbau. Investiere gezielt in Leadership-Skills, die im agilen Umfeld entscheidend sind: Moderation, Coaching, Delegation, Umgang mit Unsicherheit, konstruktive Konfliktlösung und die Fähigkeit, in Iterationen zu denken. Diese Kompetenzen machen dich als Führungsperson nicht nur erfolgreicher, sondern entlasten dich auch langfristig.
Starte iterativ. Du musst nicht die gesamte Organisation auf einmal umstellen. Beginne mit einem Team oder Projekt, teste Methoden, sammle Erfahrungen und lerne gemeinsam. Transparente Metriken und Retrospektiven helfen dabei, Erfolge sichtbar zu machen und Stolpersteine zu beseitigen.
Nutze schließlich einen hybriden Führungsansatz: Verwende klassische Steuerung dort, wo sie zwingend notwendig ist. Etwa bei Sicherheit oder regulatorischen Anforderungen. Aber erlaube Autonomie und Agilität dort, wo Anpassungsfähigkeit entscheidend ist. Genau diese Balance macht moderne Führung aus und schafft Stabilität und Dynamik zugleich.
Autorin: Melanie Janka
Literaturhinweise
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